Schneeflöckchen, Weißröckchen
- Gabriele Kolup

- 25. Jan. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Ihnen kann ich es ja sagen: Ich bin ein Kind der 70er Jahre. Einer Zeit, in der Winter noch richtige Winter waren. In der man die Jahreszeiten auch kleidungstechnisch noch unterscheiden konnte. Einer Zeit, in der Frauen ihre Lockenpracht nicht mit diversen Lockenstäben und Glätteisen malträtierten, sondern ganz bieder und herrlich passiv unter einer Trockenhaube dahindösen konnten, die man profan an den Föhn ansteckte. Einer Zeit, in der der Spruch des Jahres nicht „Lugner ist immörtal“, sondern „Ich bin der Meinung“ lautete.
Aber ich merke schon, ich schweife vom eigentlichen Thema ab…
„Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit. Du kommst aus den Wolken, dein Weg ist so weit.“
Als Kind der 70er Jahre kannte man im Winter noch richtigen Schnee. Die Neuschneemenge lag bis auf vereinzelte Ausreißer bei etwa sechzig bis hundertdreißig Zentimetern auf die gesamte Winterperiode gerechnet. Wir Kinder in Simmering verbrachten unsere Nachmittage nach der Schule dick eingepackt in nicht-atmungsaktiven Skianzügen und Moonboots „im Hof“ und lieferten uns wilde Schneeballschlachten. Es gab noch keine Handys und Computer und so zogen wir stundenlang und unverdrossen unsere Rodeln durch die verschneiten Wege der Gemeindebauten und bauten Schneemänner, die man noch nicht gendern musste.
Doch mit den Jahren kam die Klimaerwärmung, die Sommer und Winter wurden zunehmend wärmer und auch die Neuschneemenge wurde rückläufig. In den letzten Jahren hat sich diese auf vierzehn bis zweiunddreißig Zentimeter eingependelt, im Jahr 2019 fielen sogar nur noch zwei Zentimeter.
Wenn wir im heurigen Winter morgens eine weiße Schneedecke vorfanden, so handelte es sich in der Regel um Industrieschnee, der durch die Emissionen von Industrieanlagen entsteht und mit natürlichem Schnee nichts gemein hat. Anlagen wie zum Beispiel auch das Kraftwerk Simmering bringen Wasserdampf und Kondensationskerne in die Luft, wo dann die Wassertröpfchen – wenn die richtige Wetterlage vorliegt – zu Eiskristallen gefrieren und zu Boden fallen. Dieses nicht alltägliche Schauspiel hatte zumindest Teilen von Wien in diesem Winter ab und an einen Hauch von „Winterfeeling“ gegönnt.
Und vielleicht werden wir uns in nicht allzu ferner Zukunft nicht nur fragen „Wann wird’s mal wieder richtig Winter?“, sondern auch Kinderlieder wie „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ neu texten müssen. Ich habe hier einen kleinen Versuch gestartet, mit dem ich auch schon wieder meine wöchentliche „Pusteblume“ abschließen möchte.
Schneeflöckchen, Weißröckchen
Wann kommst du geschneit
Du kommst aus dem Kraftwerk
Dein Weg ist nicht weit
Komm zeig unseren Kindern
Wie Winter sein könnt‘
Kennen Schnee nur von Bildern
Sind die Wärme gewöhnt
Industrieschnee, du deckst uns
keine Blümelein zu
und schon bald kommt der Sommer samt den Gelsen – juhu





