Die Vertreibung aus dem Paradies

Es ist.
Es ist Gesetz.
Es ist Gesetz, dass man sich stets
zwischen Sonne und Wasser halten soll.
Maßvoll.
Die Welt – ein Mittelmaß.
Mit zweierlei Maß gemessen.
Maßgeschneidert.
Doch nicht für mich.
Ich bin maßlos, gemessen an der Meßlatte des Lebens.
Bin mittellos.
Bin Mittel. Los!

Ich bin.
Ich bin allein.
Ich bin allein, verbannt wie einst Dädalus.
Nah dran, an den Worten meines Daseins
zu ertrinken.
Die Welt – ein Rumfass.
Doch das Fassungsvermögen ist beschränkt.
Fassungslos.
So stehe ich da.
Bin gefasst darauf, dass meine Botschaft euch nie erreichen wird.
Bin zielbewusst.
Bin Ziel. Bewusst.

Ich webe.
Ich webe Worte.
Ich webe Worte zu Sätzen, spinne aus ihnen meine Welt.
Träume mir einen Brückenschlag zum anderen
Ufer.
Die Welt – ein Provisorium.
Stets auf Provisionsbasis.
Provokation.
Meine Waffe sind Worte.
Wirke mir Flügel aus goldenem Vlies, als seien sie von selbst gewachsen.
Ich bin Zweifel los.
Ich bin. Zweifellos.

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Darum leben wir

 

 

Warum lebe ich,
fragt dein Herz
wenn ich mich in der
Tretmühle des Alltags
zu verlieren glaub?

Warum funktioniere ich,
fragt deine Seele,
wenn mein Leben
als leere Hülle erscheint,
die mich zu erdrücken droht?

Wie entkomme ich,
fragt dein Verstand,
und sagt dir zugleich,
dass ein Ausweg unmöglich,
dein Leben vorgegeben sei.

Du hörst die Stimmen,
die dich ahnen lassen,
dass das Leben kein Rummelplatz,
schon gar kein Wunschkonzert sei.
Du glaubst den Worten,
die dich zur Vernunft rufen
und dir das Licht
am Ende des Tunnels schwarz malen.

Du träumst von einem Leben,
in dem du sein kannst,
wie du bist.
Träumst von einem Leben,
das sich dir selbst zum Geschenk macht.
Suchst nach einer Brücke
in diese ferne Welt.
Doch alles, was du findest
ist ein schmaler Steg ins Nichts.

Leb einfach deinen Tag
und spür in dich hinein.
Sei neugierig wie ein Kind
und mach dich auf die Suche.
Verlier dich nicht im Trott des Alltags,
der lähmt und mutlos macht.
Vergiss das Schwarz-Weiß der Vernunft
und mal dein Leben in bunten Farben.

Warum lebe ich,
fragt dein Herz,
wenn ich meine Träume
nicht verwirklichen,
meine Gaben nicht nutzen kann?

Wie überlebe ich,
fragt deine Seele,
wenn jeder Tag aufs neue lähmt,
wenn ich am Morgen schon
die Nacht ersehn?

Darum lebst du,
sagt dein Herz,
um das Lied zu singen,
das du nur kennst.

Darum lebst du,
sagt deine Seele,
um dich am Weg zu freuen,
der vor dir liegt.

Darum lebst du,
sagt das Kind,
um das Bild zu malen,
das dich sehend macht,
um die Worte zu schreiben,
die dir Leben einhauchen.

Lebe deine Träume
und mach dich ganz.
Lebe deine Gaben,
dann bist du wahrhaftig.

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Das kleine Wort Hoffnung

Es gibt Tage,
an denen scheint das Leben trüb und hoffnungslos.
Die Schwermut
legt sich gleich einem nebligen Herbsttag
um deine Seele
und hüllt sie in zartes Moll…

Du fragst dich,
ob dein Leben jemals eine Wendung nehmen,
ob die Sonne jemals wieder
dein Herz erwärmen wird.
Du suchst nach einem Ausweg,
suchst nach dem fehlenden Wort für das Morgen…

Such nicht im Außen.
Frag nicht den Andern.
Sei ganz still und bei dir.
Lausch einfach der Musik.
Fühl ihren Klang und lass ihn in dir schwingen.
Sie kennt all deine Fragen, nennt all deine Antworten…

Erkenne die Angst tief in dir,
diese Angst, dein Leben zu verspielen.
Wie wäre dein Weg verlaufen,
wenn du manch andere Abzweigung genommen hättest?
Es ist das Spiel deines Lebens.
Und es gibt kein Zurück…

Spür diesen Schmerz tief in dir,
und lass ihn einfach zu.
Denn er ist Teil von dir.
Und du bist Teil des Großen Ganzen.
Nichts, was dir widerfährt, ist ohne Sinn.
Leben heißt, dessen wahre Bedeutung zu erkennen…

Du lauscht wieder der Musik,
die nun jede Faser deines Körpers mit Wärme erfüllt.
Und dann geht die Sonne auf.
Ein feuerroter Lichtball in Dur.
Du schließt die Augen, doch das Licht
durchdringt deine geschlossenen Lider.
Es ist das Licht der Erkenntnis.

Und plötzlich ist es da.
Das Wort,
nach dem du die ganze Zeit über gesucht hast.
Das Wort,
das die Menschheit seit jeher am Leben hält.
Das Wort,
das das Morgen überhaupt erst möglich macht.
Und dieses unscheinbare Wort
heißt
Hoffnung…

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Die Geburt der Welt

 

 

Ich bin.
Ja, ich bin.
Bin zum ersten Mal in meinem Leben gestrandet. Gelandet.
Durch Dich. Dich allein.
Hast meine erstarrten Mauern niedergerissen.
Hast mein Universum neu erschaffen. Göttlicher, Du.
Gnadenlos.

Los.
Ja, ich lasse los.
Habe endlich meinen Kopf abgeworfen. Wie der Baum die Frucht.
Bin nun kopflos. Bereit zur Ernte.
Habe mich gehäutet wie eine Schlange. Ohne Furcht.
Erstrahle im gold’nen Licht meiner neuerwachten Sehnsucht.
Schutzlos.

Bereit.
Ja, ich bin bereit.
Hast den Stein, der wie ein Panzer
Auf meiner Seele lastete, ins Rollen gebracht. Mit Gefühl.
Räumtest all die Mauersteine aus dem Weg.
Ausweg warst Du. Ausweg und Ziel.
Bedingungslos.

Süchtig.
Ja, ich bin süchtig.
Süchtig nach deiner Wärme. War gefroren, doch nicht erfroren.
Und dann kamst Du. Und mit Dir der Frühling.
Es taut. Trinkst gierig die ersten Tropfen von meiner Brust.
Dornröschenschlaf. Winterschlaf. Schlafsucht. Suchtgefahr.
Gefahrengut.

Ich begehre.
Ja, ich begehre.
Dränge meinen Körper an deinen – halt mich fest!
Falle ins Bodenlose. Uferlos bin ich nun, kenne keine Grenzen.
Ertrinke im Honig unserer Leidenschaft. Treibe dahin.
Kerze bin ich nun, formbar und weich. Habe meine Härte gesteinigt.
Explosion.

Schwanger.
Ja, ich bin schwanger.
Trage deine und meine Liebe in mir aus. Ein Leben lang.
Ein Samenkorn. Hast Verlangen gesät und Lust geerntet.
Lustvoll streichst du über meine Lenden, malst die Hügel meines Körpers.
Körperzeit. Du hast für mich ein neues Zeitalter eingeläutet.
Die Geburt der Welt.

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Es ist was es ist

Hast du heute schon gelächelt?
Hast du hoffnungsfroh den Morgen begrüßt?
Hast du einen Menschen liebevoll umarmt?
Hast du ganz still bei dir gedacht:
Was für ein schöner Tag?

Du eilst durch die Wartehalle des Lebens –
voller Ungeduld und ohne Blick fürs Wesentliche.
Schritt um Schritt.
Atemzug um Atemzug.
Wort um Wort.

Halt einen Moment inne
und heb den Blick.
Such nach der Sonne, dem Mond und den Sternen.
Dann wird sich der Nebel lichten.
Dann öffnen sich Türen, wo gestern Mauern waren.

Hast du heute schon gelächelt
fragen deine Lippen.
Hast du heute schon geliebt
fragt dein Herz.
Hast du heute schon gebetet
fragt deine Seele.

Du glaubst,
die Hoffnung längst verloren zu haben.
Du denkst,
dass dein Weg einst vorgezeichnet ward.
Doch du fühlst,
dass das noch nicht alles gewesen sein kann.

Es ist Illusion
sagt der Verstand.
Es ist was es ist
sagt die Hoffnung.
Es ist Humbug
sagt der Neider.
Es ist gefährlich
sagt die Furcht.
Es ist was es ist
sagt die Hoffnung.
Es ist unerklärlich
sagt der Argwohn.
Es ist Irreführung der Menschheit
sagt die Politik.
Es ist das fehlende Glied
sagt die Hoffnung…

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Komm hierher

 

Komm hierher,
wenn du keine Worte mehr findest,
wenn das Feuer der Leidenschaft
in dir erloschen ist.

Komm hierher,
wenn du Ruhe für deinen Geist suchst,
wenn der Alltag
deine Sehnsüchte in Ketten legt.

Es gibt nur diesen Augenblick.
Nur dieses eine Bild.

Das Rascheln der Blätter der Maisfelder
schärft deine Sinne für das Hier und Jetzt.
Torkelnde Junikäfer fliegen wieder und wieder
gegen die Regenrinne des Hauses und erinnern
dich daran, dass der Weg das Ziel ist.

Das helle Strahlen eines Glühwürmchens
dient als Licht am Weg zu deiner Seele.
Und der klare Sternenhimmel stülpt sich wie eine Kuppel
über dein Dasein und macht dir bewusst,
dass du ein Sandkorn in der Uhr des Lebens bist.

Komm hierher,
wenn du Kraft schöpfen willst,
wenn aus Ich und Du
ein Wir werden soll.

Komm hierher,
wenn das Kind in dir schaukeln will,
wenn du im zarten Gänseblümchen
die ganze Welt finden willst.

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5 nach 12

 

Tage fallen wie Blätter – die Zeit, sie läuft.
Und wir verlieren uns in den Nichtigkeiten des Alltags.
Haben den Blick für das große Ganze verloren.
Hören nicht hin, wenn die Vernunft zu uns spricht.
Wissen es nicht zu schätzen.
Dieses Geschenk, das uns Tag für Tag offenbart wird.
Das Geschenk des Lebens.
So unendlich zerbrechlich und endlich.
Stets einen Flügelschlag vom anderen Ufer entfernt.

Tage fallen wie Blätter – es ist schon weit nach Zwölf.
Wir können es einfach nicht fassen dieses Leben.
Doch unfassbar einfach könnte es sein,
wenn wir seinen Sinn verstehen würden.
Siehst du die kleine Flamme, die in dir lodert?
Spürst du das Feuer in dir?
Der brennende Schmerz, der dein Herz umklammert.
Nur er kann dir den Weg weisen.
Es ist die Angst, die dich sehend macht.

 

Tage fallen wie Blätter – wach endlich auf.
Das Tor zur neuen Welt liegt verschlossen vor dir.

Das Atmen fällt dir schwer.
Der beißende Rauch des Vergessens treibt dir Tränen in die Augen.
Asche, die vom Himmel fällt.
Gleich feinem Sand, der durch deine Finger rieselt.
Du blickst zurück und suchst nach Spuren.
Spuren im Sand, die das Meer verwischt.
Es sind die Gezeiten des Lebens, die dich formen.

Tage fallen wie Blätter – die Natur bahnt sich ihren Weg.
Du fühlst das Wasser, hörst das Knacken der Balken.
Siehst den grellen Schein der Flammen.
Lautes Tosen, das dich umfängt.
Das dir die Luft zum Atmen nimmt.
Und dann Stille.
Und Dunkelheit.
Und schließlich geht der Vorhang auf.
Für jetzt und alle Zeiten…

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Dieses Leben

Frühling.
Sinnbild des Neubeginns.
Ostern.
Symbol der Auferstehung.
Die Welt.
Ein Fingerzeig,
wie zerbrechlich unser aller Leben ist.

Ein ewiger Kreislauf.
Dieses Leben.
Ein immerwährendes Fallen und wieder Aufstehen.
Das Fleisch oft schwach.
Vergänglich die Hülle.
Hüllenlos sind wir auch vor Gott.
Er sieht nur unser Herz.

Mein Herz.
Manchmal hart und doch so weich.
Vernarbt.
Mein Leben.
Eine Operation am offenen Herzen.
Ohne Narkose.

Ich bin ein Baum.
Die Kälte ließ manche Wurzel absterben.
Doch ich stehe.
Stehe noch immer.
Die ersten goldenen Sonnenstrahlen
liebkosen meine kahlen Äste.
Wärme macht sich in mir breit.
Das erste Grün sprießt zaghaft.

Ich fühle meine Wurzeln.
Sie sprechen zu mir.
Geben mir Mut und Kraft.
Nähren mich.
Wurzeln sind der Saft des Lebens.
Ohne Wurzeln keine Blätter.
Ohne Wasser kein Leben.
Ohne Schmerz keine Liebe.
Ohne Tod keine Auferstehung.
Ich liebe dieses Leben…

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La nuit etoilée

Seine schützenden Flügel über meine Seele gebreitet

hatte der Schlaf

und ließ die Schreie vorüberziehender Saatkrähen

gedämpft zu mir durchringen.

Ich schwamm mich frei im türkisblauen Teppich meines Wohnzimmers

und trieb in einem Meer von Büchern,

die ringsrum von den Wänden auf mich herabstürzten

und mich

unter einer Flut von Wörtern und Bildern begruben.

Die Staffelei, die einem Eck des Zimmers stand -

eine Insel, die beim Malen

den Blick auf den Balkon freigab,

der in diesen späten Novembertagen

verwaist und trostlos wie ein unnützes Glied

an der Hausfront hing -

lag im Dunkel.

Daneben lehnte ein gerahmter Kunstdruck

von Vincent Van Gogh:

La nuit etoilée.

Sparsam in den Farben Blau und Gelb -

ein Gewässer, in dessen leisen Wellen sich

die Lichter des Sternenhimmels

gleich strahlenden Sonnen spiegelten.

Ich schwamm

mit zügigen Tempi zu meiner Couch,

zog

mich aus dem warmen Nass,

schritt

über eine Brücke aus gewobenen Worten zu meiner Insel,

tauchte

den Pinsel ins Wasserglas,

wühlte

mit kreisenden Bewegungen im Farbnapf.

Im Glas

zog sich ein Blutfaden h

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Tage wie diese

Es gibt Tage wie diese.
Der Schnee streichelt in leisen, zarten Flocken dein Gesicht.
Die Sonne durchbricht die Nebelwand
und erhellt dein Leben mit diesem weichen, rosa Licht.


Und die schmelzenden Kristalle auf deiner Haut
flüstern dir leise ins Ohr: Atme.

Atme die klare Luft dieses Tages.
Fühl die prickelnde Kälte auf deiner Haut.


Hör das Knirschen des Schnees unter deinen Füßen.
Sieh die glitzernde Pracht dieser Welt.
Denn das Leben ist schön.
Du musst nur ganz bei dir sein.
Gerade an Tagen wie diesen.

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Abschied

Der Sommer ist dem Herbst gewichen,
ein Abschiedswort blieb uns verwehrt.
Mit dir ist auch das Grün verblichen.
Du schliefst sanft ein, in dich gekehrt.

Dein Blick war trüb, der Gang schon schwer,
aus dir gewichen war die Kraft.
Der Tod kam sanft – die Wunde klafft,
die Seele dumpf, das Herz so leer…

Sanft wie ein Blatt, das schwebt im Wind,
glitt deine Seele still ins Land,
wo sie, die schon gegangen sind,
dir freudig reichen nun die Hand.

Bedenke jenes Argument:
Der Tod, er trennt zwei Welten nur.
Das Leben ist ein kurz Moment,
ein Quäntchen auf des Daseins Spur.

 

© 2020 by Gabriele Kolup. Erstellt mit WIX.COM