Zusammen ist man weniger allein
- Gabriele Kolup

- 18. Jan. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Der alte Mann stützt sich auf seinen Stock und verharrt einen kurzen Moment vor dem Eingang mit der Aufschrift „Wärmestube“. Dann fasst er Mut, öffnet die Tür und nimmt seinen Hut ab. Die Stube ist bereits gut besucht, an einer kleinen Theke wird warmes Essen ausgegeben. Die Menschen im Raum bestehen aus einer bunten Mischung aus jung und alt.
Der Mann sieht sich um und erkennt an einem der vielen Tische einen alten Bekannten, den er schon lange nicht mehr gesehen hat. Später wird er bei ihm sitzen, seine klammen Hände an der dampfend-heißen Tasse Tee wärmen und sich das Chili con Carne mit Semmel schmecken lassen. Zum ersten Mal seit langer Zeit wird er den Tod seiner Frau für einige Zeit vergessen haben und einmal wieder richtig lachen. Für ein paar Stunden werden die zermürbende Kälte seiner Wohnung und die Einsamkeit, die sich an manchen Tagen wie ein bleierner Ring um seine Brust legt, in den Hintergrund treten.
Zusammen ist man weniger allein, das war schon immer so und gewinnt gerade in der heutigen Zeit immer mehr an Bedeutung. Wussten Sie, dass die Geschichte der Wärmestuben bis ins Jahr 1945 zurück geht? Damals veranlasste das Wohlfahrtsamt der Stadt Wien die Einrichtung zahlreicher Stuben in den Wiener Bezirken, um den Besuchern ein kostenloses Heißgetränk anzubieten.
Heute sind diese Wärmestuben um so vieles mehr. Immer öfter finden hier Menschen tagsüber einen sicheren Rückzugsort und Schutz vor der physischen, aber auch der sozialen Kälte. Mittlerweile finden sich hier nicht nur Obdachlose, sondern auch immer mehr Menschen, die sich das Beheizen ihrer Wohnung in Zeiten steigender Energiekosten nicht mehr leisten können, ein. Ein warmes Mittagessen, die Möglichkeit Wäsche zu waschen, das Erhalten von Kleiderspenden – das Angebot ist vielfältig.
Laut Auskunft der Caritas sind immer mehr Menschen auf die Hilfe von Pfarren angewiesen, da es immer weniger niederschwellige Hilfsangebote gibt. Die Zahl der Notleidenden in Wien steigt und mit ihr der Andrang in Einrichtungen wie diese. Doch gerade in Großstädten machen nicht nur steigende Kosten und geringe Gehälter oder Pensionen den Menschen zu schaffen. Es sind gerade auch die Einsamkeit und die Isolation in der Anonymität, die viele an den Rand der Gesellschaft drängen. Hier bieten die Wärmestuben Raum, nicht nur den Körper, sondern auch die Seele und das Herz ein wenig zu wärmen. Ein Platzerl zum Tratschen, ein offenes Ohr für die großen und kleinen Sorgen und Nöte, Ablenkung beim Lesen oder gemeinsamen Kartenspiel – die Möglichkeiten sind vielfältig und doch so individuell wie die Besucher selbst.
Wie groß ist mittlerweile die Kluft zwischen der schillernden Scheinwelt auf Instagram und der bitteren Realität vieler Menschen. Die mannigfach gehypten, teuren Wohlstandsartikel in sozialen Medien stehen in krassem Widerspruch zu einer Welt, in der sich manch einer nicht einmal eine warme Mahlzeit am Tag leisten kann.
Denken wir doch daran, bevor wir das nächste Mal wieder einen der vielen Links zu einem weiteren Influencer-Produkt anklicken. Erinnern wir uns doch an jene, denen wir mit dem Verzicht eines einzigen kleinen Luxusproduktes ein großes Geschenk bereiten können.
Der alte Mann am Beginn der Geschichte ist fiktiv, die Armut vieler jedoch nicht.
Unter dem Link der Caritas
können wir mit kleinem Aufwand großes Glück schenken. Denn auch viele kleine Samen können einen reichen Ertrag schenken. Zusammen sind wir weniger allein. Reichen wir einander die Hand! Denn es gilt noch immer: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.





