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Ein Äffchen namens Punch

  • Autorenbild: Gabriele Kolup
    Gabriele Kolup
  • vor 7 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Tagen


Der im Juli vorigen Jahres im Ichikawa City Zoo nahe Tokio geborene Makaken-Affe Punch wurde von seiner Mutter nicht angenommen und in den Monaten danach von Tierpflegern aufgezogen. Als er im Jänner dieses Jahres  wieder in die Makaken-Gruppe des Zoos integriert wurde, ging dies gründlich schief: Die anderen Tiere grenzten das kleine Äffchen aus, mobbten und verjagten es, sodass ihm die Zoowärter schließlich ein Ikea-Orang-Utan-Plüschtier schenkten, um ihm Trost zu spenden. Fortan zog Punch das Äffchen im Gehege mit sich mit, suchte bei ihm Schutz, umklammerte es und kuschelte damit - ein trauriges Bild, das die Herzen der Menschen weltweit zum Schmelzen brachte.



Die Videos von diesen berührenden Szenen zählen mittlerweile mehr als 30 Millionen Aufrufe auf TikTok und Instagram. Als ich heute morgen auf meinem Handy bei der Google-Suche den Begriff "Affe Punch" eingab, tanzten plötzlich kleine Herzchen mit Affenkopf über den Bildschirm (siehe Foto). Mein eingegebener Suchbegriff hatte ein sogenanntes Google Easter Egg ausgelöst – eine versteckte Animation (in diesem Fall: "Punch the Monkey"), die auf virale Trends aufmerksam macht. In diesem Fall auf Punch, einen kleinen japanischen Makaken, der nach der Geburt von seiner Mutter verlassen wurde und dessen Geschichte weltweit für Anteilnahme sorgt. 




Ein verstoßener Affe und wir sind kollektiv erschüttert.


Man möchte fast sagen: Endlich wieder ein Thema, bei dem wir uns einig sind. Denn dieses kleine Äffchen berührt uns nicht nur deshalb, weil dieses niedliche Wesen von seiner Gruppe verstoßen wurde. Vielleicht berührt uns Punch so sehr, weil er uns an etwas erinnert. Nicht an Zoologie, sondern an uns selbst.



Denn ausgeschlossen werden ist eine Erfahrung, die sich tief ins Gedächtnis brennt. Der Moment auf dem Schulhof, wenn man nicht ins Team gewählt wird. Die Geburtstagsfeier, zu der alle eingeladen sind, nur man selbst nicht. Die WhatsApp-Gruppe, in der plötzlich auffällig wenig Nachrichten auftauchen, sobald man etwas schreibt. Wir alle kennen das Gefühl, ausgegrenzt zu werden. Der Unterschied ist aber: Wenn wir traurig schauen, regnet es keine animierten Herzchen. 



Tiere haben in unserer Gefühlswelt einen Sonderstatus, denn sie sind quasi Projektionsflächen mit Fell. Sie tragen keine komplizierten Lebensläufe in sich, unsere Empathie darf sich entfalten, ohne dass sie in Handlung münden muss. Wir können betroffen sein, ohne uns in politische Debatten zu verstricken. Ein Herz-Emoji ist schnell verschickt. Und doch wäre es zu einfach, das alles als oberflächlich abzutun. Dass uns Punch berührt, ist ja kein Fehler, denn es zeigt, dass wir empfänglich sind für Einsamkeit, dass wir reagieren, wenn ein Wesen sichtbar am Rand sitzt. 



Die Frage ist nur, wie weit diese Empfänglichkeit reicht. 



Denn während wir noch Herzchen tippen, läuft im Hintergrund längst eine andere Choreografie: Der Zoo gibt Interviews, erklärt die Dynamik in der Gruppe, spricht vom natürlichen Prozess der fehlenden Sozialisierung des Äffchens durch das Fehlen der Mutter. Und doch schwingt in jeder Schlagzeile ein Hauch von zusätzlicher Aufmerksamkeit mit. Mehr Klicks. Mehr Besucher, die vielleicht genau dieses Gehege sehen und dafür Eintritt zahlen wollen. Ein kleiner Außenseiter als Publikumsmagnet.



Und dann ist da noch der Plüschaffe von IKEA, der plötzlich zu einem Symbol wird. Man kann Mitgefühl jetzt auch ins Kinderzimmer oder aufs eigene Sofa legen. Das ist keine große Verschwörung. Es ist einfach Marktlogik. Aufmerksamkeit ist eine Währung, und Gefühle sind ihr Wechselkurs. Wo viele hinschauen, entstehen Angebote.



Trotzdem bleibt ein leiser Beigeschmack. Ein verstoßenes Tier wird zur Geschichte. Die Geschichte wird zur Marke und die Marke findet ihren Weg in den Warenkorb. Vielleicht ist das die modernste Form von Trost: Wir kaufen uns ein Stück Empathie zum Mitnehmen. Ein bisschen Nähe, produziert in Serie. Ein Plüsch-Punch, der garantiert nie aus der Gruppe ausgeschlossen wird, weil er immer genau da bleibt, wo wir ihn hinsetzen. Und während wir ihn ins Regal stellen, könnte irgendwo im echten Leben jemand sitzen, der keinen Merchandise-Artikel bekommt. Nur einen Platz am Rand.



Die Frage ist nicht, ob Zoo oder Möbelhaus Kapital schlagen. Denn das werden sie. Die größere Frage ist, was wir aus unserer Rührung machen, wenn die Schlagzeilen weiterziehen. Ob sie verdampft, wie ein Herzchen auf dem Display oder ob sie bleibt und uns in unserem eigenen Alltag ein kleines bisschen wacher macht.



Der kleine Affe Punch erinnert uns daran, wie sich Ausgrenzung anfühlt. Vielleicht ist Punch weniger ein Fall für Tierpsychologie als für Selbstbeobachtung. Vielleicht schauen wir ihn an und denken unbewusst: Das bin ich. Damals. Oder manchmal heute. Und vielleicht könnten wir das nächste Mal, wenn wir in einer Runde sitzen und jemand auffällig still ist, einen Moment länger hinschauen. Nicht, weil Google Herzchen regnen lässt. Sondern weil wir wissen, wie es ist, wenn niemand neben einem Platz nimmt.



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